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Grausiger
Waschzettel
So ganz ohne Verantwortung kommen die Patienten nicht davon. Schließlich
müssen alle Packungen einen Beipackzettel enthalten, auch
liebevoll Waschzettel genannt. Der Gesetzgeber befiehlt:
Diese Zettel müssen die Patienten so informieren, daß
sie Wirkung des jeweiligen Präparates einschätzen und
richtig anwenden können. Soweit die Theorie. Die Konsequenzen
in der Praxis müssen die Ärzte ausbaden und vor allem
ausdiskutieren. Denn so ein Beipackzettel bietet wenig Lesefreude.
Sofern der arme Patient nicht zufällig Pharmazie oder Medizin
studiert hat, braucht er mindestens ein Fachwörterbuch. Es
sei denn, er hat seine Lesebrille nicht dabei, denn die fein ziselierten
Buchstaben der eng gedrängten Schrift erfordern einen scharfen
Blick.
Beängstigend: das Kleingedruckte
Hat sich der getreue Patient erst durch die Punkte Zusammensetzung
(was ist drin?), Anwendungsgebiete (wofür oder
wogegen soll's helfen?), Gegenanzeigen (wann darf
es nicht eingesetzt werden? Mit welchen anderen Medikamenten verträgt
es sich nicht?) hindurchgeschmökert, gelangt er zur Rubrik
Nebenwirkungen. Hier muß der Hersteller alle
noch so seltenen Risiken des Arzneimittels aufführen. Und
spätestens hier hört der Spaß auf: ...
können gelegentlich Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit,
Erbrechen, Durchfall, Hautausschläge, punktförmige Hautblutungen,
Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen auftreten. Schwerwiegende Überempfindlichkeitsreaktionen
der Haut wie Stevens-Johnson-Syndrom und Lyell-Syndrom - wobei
letztere mit einer hohen Sterblichkeitsrate einhergeht - wurden
selten beobachtet. D agegen klingt doch der Pflichthinweis
Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit geradezu versöhnlich,
obwohl dieses Laster wesentlich mehr Menschen das Leben kostet.
Gefürchtet:
Diskussion über Nebenwirkungen
Verständlich, daß es dem Arzt ein Greuel ist, alle
Nebenwirkungen im Beipackzettel, die theoretisch möglich
sind, jeweils mit seinem Patienten durchzudiskutieren. Die vielen
exotischen Krankheitsbilder zu erklären, würde Stunden
dauern.
Nebenwirkung wegen Nebenwirkungen
Diese Nebenwirkungslisten bergen selbst ein Nebenwirkungsrisiko:
Manch braver Konsument mag diese bitteren Pillen nach der Lektüre
des Beipackzettels nicht mehr schlucken. Wer die Pillen heimlich
in den Abfluß spült, geht sicher den Nebenwirkungen
aus dem Weg. Der Doktor unterdessen wundert sich, daß seine
Therapie nicht anschlägt. Schade, daß die unbehandelte
Krankheit den Patienten dann dahinrafft. Autor und Verlag dieses
Buches loben hiermit einen Preis aus: Für den Hersteller,
der einen Beipackzettel entwirft, der dem Gesetz genüge tut,
zugleich lesbar und verständlich ist und obendrein die Patienten
nicht zu Tode erschreckt.
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